Archiv für Juni 2009

„Sozialpartnerschaft funktioniert nicht!“

ABB Arbeiterinnen und Arbeiter aus Frankreich in Zürich Oerlikon

Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der rund 80 Arbeiterinnen und Arbeiter von ABB France, als ein Tablett mit gekühlten Getränken aus dem ABB Hauptsitz in Oerlikon gefahren kam. „Erst gab es gratis Sandwiches und jetzt gibt es Getränke von der Direktion. Aber über die Entlassungen wollen sie nicht diskutieren, da hören die Geschenke auf“, meinte ein Arbeiter mit der roten Fahne der CGT (Confédération générale du travail) in der Hand. Aus verschiedenen Regionen Frankreichs waren sie angereist um gegen die angekündigten Entlassungen von 540 Kolleginnen und Kollegen zu demonstrieren. Das ist etwa ein Fünftel der 2500 Stellen von ABB in Frankreich. Die Entlassungen sind Teil eines globalen Restrukturierungsprogramms, das ABB aufgrund der Krise durchführt. Auch in den USA und anderen europäischen Ländern werden Stellen gestrichen.

Die Belegschaft in Montluel (nähe Lyon) widersetzte sich der vorherrschenden ökonomischen Logik und trat kurzerhand in den Streik. Sie setzte die Betriebsleitung zwei Stunden lang fest (1, 2, 3). Am nächsten Tag wurde in Chassieu das Werk blockiert (1). Und nun also reisten 80 Arbeiterinnen und Arbeiter nach Zürich Oerlikon um vor der Direktion zu demonstrieren. Sie wollten nur lautstark auf sich und ihr Anliegen aufmerksam machen, meinte ein Arbeiter. Schliesslich seien sie hier nicht bei sich zu Hause. Der Satz liess erahnen, wozu diese Belegschaft in der Lage ist. Bekanntschaft mit der Polizei machten sie trotzdem. Der Wirt eines nahestehenden Lokals fühlte sich durch die Anwesenheit der Demonstranten belästigt, obwohl sie an diesem Tag wohl seine beste Kundschaft waren und für einen schönen Umsatz sorgten. Auch die Direktion widmete der Delegation aus Frankreich eine halbe Stunde ihrer Aufmerksamkeit, von ihren Restrukturierungsplänen wollte sie aber nicht abrücken und verwies die Delegation auf ABB France. Hier werde die Entscheidung getroffen.

Von den Passanten wurden die lautstarken ABB-ArbeiterInnen als exotisches Schauspiel begutachtet oder schlichtweg ignoriert. „Meinen die Leute das sei ein Fussballspiel? GC gegen die CGT?“ wollte ein Arbeiter wissen. Er wurde schnell darüber aufgeklärt, dass fast 50 Jahre „Sozialpartnerschaft“ wohl doch ihre Spuren hinterlassen und eine entschlossene Demonstration von ArbeiterInnen hier eher eine Seltenheit sei. Von der famosen „Sozialpartnerschaft“ halte er nichts, stellte er resolut fest, denn Diskussionen ohne den Druck von militanten Aktionen würden immer zugunsten der „Patrons“ ausgehen. Wer sich auf die ökonomische Argumentation der Unternehmer einlasse, habe schon verloren. Einen Lichtstreifen am Horizont für die Arbeiterbewegung in der Schweiz mochte er aber dennoch ausmachen. Viele junge Menschen seien gekommen und hätten sich erkundigt, worum es hier gehe. „Bei denen liegt eure Zukunft!“

Solidarität mit den Arbeiterinnen und Arbeitern von ABB France!

ABB en colère!

Solidarität mit Ernst!

Heute, am 10. Juni 2009, zeigten sich rund 20-30 Personen – darunter auch militante Arbeiter der Firma Clariant aus Basel – vor dem Gelände der Firma Benninger / Karl Mayer AG solidarisch mit dem entlassenen Ernst G., welcher dort während 39 Jahren arbeitete und sich aktiv für die ArbeiterInnen in der Firma einsetzte. Ernst (55) ist nur einer von vielen, die entlassen werden, weil sie den Mut haben sich zu wehren oder ganz einfach, weil die Unternehmer sie durch jüngere Arbeitskräfte ersetzen wollen, die sich besser ausbeuten lassen.
Die Basisgruppe Bahn war ebenfalls vor Ort und suchte das Gespräch mit den ArbeiterInnen. Dies gelang, obwohl die Firmenleitung eigens Sicherheitsleute engagiert hatte, um die ArbeiterInnen zu kontrollieren, den Protestierenden den Zugang zum Areal zu erschweren und die verschiedenen Zugänge zum Areal zu bewachen. Diese Haltung der Firmenleitung zeigt: Sie haben Angst, sie fürchten den Protest und die einsetzende Solidaritätskampagne, welche neben der Gewerkschaft Unia auch von nicht-gewerkschaftlichen Gruppen, Organisationen und Bündnissen unterstützt wird. Wir werden solange gegen diese Entlassung protestieren, bis Ernst wieder eingestellt wird!

Entlassen wurde Ernst – Gemeint sind wir alle!
Solidarität mit Ernst!

+ Petition unterschreiben

Bilder der Kundgebung:

Kundgebung

Arbeiter der Firma Clariant hält eine Rede und betont die Wichtigkeit der überregionalen, überbetrieblichen Solidarität und der kompromisslosen Arbeitskämpfe
Rede Clariant

Ernst hält eine Rede
Rede Ernst

Sicherheitspersonal
Sicherheitspersonal 2

Sicherheitspersonal
Sicherheitspersonal 3

Sicherheitspersonal
Sicherheitspersonal 4

Eine verpasste Chance

Die Erinnerungen an die heissen GAV-Verhandlungen im Herbst und Winter 2006 sind noch nicht verblasst. Auf Messers Schneide stand die Zustimmung zum neuen Vertrag. Zu gross waren die Zugeständnisse, zu hohe Einbussen waren zu erwarten. Es gab eine Demonstration in Bern mit grossem Zulauf, ein Streik wurde angedroht – die Zeichen standen auf Sturm. Doch zur Konfrontation kam es schliesslich nicht, denn die GAV-Konferenz stimmte dem neuen Vertrag zu. Die kämpferische Stimmung verpuffte, entlud sich in einigen kritischen Stimmen (siehe hier). Zurück blieb das Gefühl, bei der Entscheidung zu diesem GAV nicht wirklich mitbestimmt zu haben.

Zum SEV-Kongress vom 19./20. Mai reichte der LPV Luzern einen Antrag ein, der eine Urabstimmung über einen neuen GAV forderte. Die Lokführer aus Luzern gingen sogar soweit zu fordern, dass auch gewerkschaftslose Bähnlerinnen und Bähnler zur Abstimmung zugelassen werden. Alle die vom GAV betroffen sind, sollen auch darüber bestimmen können. Dieser Antrag hätte die Machtverhältnisse innerhalb des SEV stark zugunsten der Basis verschoben. Der Geschäftsleitung ging dieser Vorschlag natürlich viel zu weit und widersprach zudem ihren eigenen Reformvorschlägen, die auf eine Schwächung der Basis zielen. Sie empfahl deshalb, den Antrag abzulehnen und diesem Wunsch wurde mit einem überwältigendem Mehr von 245:5 Stimmen entsprochen.

Eine Niederlage für alle, die mitbestimmen wollen? Eher ist von einer verpassten Chance zu reden. Der Streik in der Officina von Bellinzona im Frühjahr 2008 hat uns gezeigt, wie erfolgreich eine Bewegung aus der Basis sein kann. Hier haben Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Schicksal selber in die Hand genommen und haben die Richtung des Kampfes selber bestimmt. Aus dem Schwung dieser Erfahrung hat sich ein „Netzwerk für eine kämpferische Bewegung der ArbeiterInnen“ gebildet. In dessen Rahmen haben sich die Arbeiterinnen und Arbeiter der Officina mit anderen SBBlern zusammengetan und wollen die Forderungen der Basis in die GAV-Verhandlungen einbringen. Im September kommt es im Tessin erneut zu einem Treffen*. Diese Chance sollten wir nutzen!

* Genaues Datum und Informationen folgen.

Meta

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