Eine verpasste Chance

Die Erinnerungen an die heissen GAV-Verhandlungen im Herbst und Winter 2006 sind noch nicht verblasst. Auf Messers Schneide stand die Zustimmung zum neuen Vertrag. Zu gross waren die Zugeständnisse, zu hohe Einbussen waren zu erwarten. Es gab eine Demonstration in Bern mit grossem Zulauf, ein Streik wurde angedroht – die Zeichen standen auf Sturm. Doch zur Konfrontation kam es schliesslich nicht, denn die GAV-Konferenz stimmte dem neuen Vertrag zu. Die kämpferische Stimmung verpuffte, entlud sich in einigen kritischen Stimmen (siehe hier). Zurück blieb das Gefühl, bei der Entscheidung zu diesem GAV nicht wirklich mitbestimmt zu haben.

Zum SEV-Kongress vom 19./20. Mai reichte der LPV Luzern einen Antrag ein, der eine Urabstimmung über einen neuen GAV forderte. Die Lokführer aus Luzern gingen sogar soweit zu fordern, dass auch gewerkschaftslose Bähnlerinnen und Bähnler zur Abstimmung zugelassen werden. Alle die vom GAV betroffen sind, sollen auch darüber bestimmen können. Dieser Antrag hätte die Machtverhältnisse innerhalb des SEV stark zugunsten der Basis verschoben. Der Geschäftsleitung ging dieser Vorschlag natürlich viel zu weit und widersprach zudem ihren eigenen Reformvorschlägen, die auf eine Schwächung der Basis zielen. Sie empfahl deshalb, den Antrag abzulehnen und diesem Wunsch wurde mit einem überwältigendem Mehr von 245:5 Stimmen entsprochen.

Eine Niederlage für alle, die mitbestimmen wollen? Eher ist von einer verpassten Chance zu reden. Der Streik in der Officina von Bellinzona im Frühjahr 2008 hat uns gezeigt, wie erfolgreich eine Bewegung aus der Basis sein kann. Hier haben Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Schicksal selber in die Hand genommen und haben die Richtung des Kampfes selber bestimmt. Aus dem Schwung dieser Erfahrung hat sich ein „Netzwerk für eine kämpferische Bewegung der ArbeiterInnen“ gebildet. In dessen Rahmen haben sich die Arbeiterinnen und Arbeiter der Officina mit anderen SBBlern zusammengetan und wollen die Forderungen der Basis in die GAV-Verhandlungen einbringen. Im September kommt es im Tessin erneut zu einem Treffen*. Diese Chance sollten wir nutzen!

* Genaues Datum und Informationen folgen.