Brief des CEO an das gesamte SBB-Personal

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Mit diesem Schreiben wende ich mich an Sie, um Ihnen die aktuelle Situation rund um SBB Cargo zu schildern. Wie Sie wissen, ist die Leistung von SBB Cargo im vergangenen Geschäftsjahr deutlich gewachsen. Trotzdem hat unsere Gütersparte überraschend einen massiven Verlust von mehr als 190 Millionen Franken eingefahren, davon fast 88 Millionen Franken operativ.

Ich bedaure sehr, dass trotz dem unermüdlichen Einsatz vieler Kolleginnen und Kollegen bei SBB Cargo das Geschäft wiederum massiv rote Zahlen schreibt. Für das Vertrauen unserer Kunden in unsere Leistungen und das Vertrauen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in das Unternehmen SBB Cargo ist es wichtig, dass wir schwarze Zahlen schreiben. Auch der Eigentümer, die Schweizerische Eidgenossenschaft, fordert von uns so schnell wie möglich ein mindestens ausgeglichenes Ergebnis.

Die vom Verwaltungsrat beschlossenen Massnahmen sollen nicht nur kurzfristige finanzielle Verbesserungen herbeiführen, sondern sind für die langfristige Ausrichtung der SBB Cargo wichtig und helfen ihr, im harten Wettbewerb zu bestehen.

Am Dienstag habe ich persönlich die Bundeshausfraktionen über die Entscheide zu SBB Cargo orientiert und mich den Fragen den Parlamentarier gestellt. Es waren offene und konstruktive Gespräche. Das grosse Interesse an SBB Cargo zeigte mir die starke Verbundenheit mit der SBB. Ich machte meinerseits deutlich, dass mir die Entwicklung im Tessin Sorge bereite.

Ich verstehe die Zukunftsängste und die Enttäuschung der Mitabeitenden an allen betroffenen Standorten über die Entscheide. Die beschlossenen Massnahmen haben vor allem im IW Bellinzona grossen Widerstand hervorgerufen. Trotz unserer Bereitschaft zum Dialog haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Industriewerks das Gespräch abgebrochen und sind in einen Streik getreten. Dabei bedaure ich ausserordentlich, dass unser Cargo-Chef, Nicolas Perrin, aus dem Werk gewiesen wurde, ohne dass er die konkrete Ausgestaltung unserer Ideen erklären konnte. Dem besonderen Know-How im IW in Bellinzona soll bei der langfristigen Neuausrichtung Rechnung getragen werden. Ebenso wollen wir untersuchen, welche Komponenten auch weiterhin aus dem IW Bellinzona für andere Teile der SBB und Regionen ausserhalb des Tessins gemacht werden können. Wichtig ist jetzt, dass die Chancen für das IW Bellinzona nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Die SBB hat mit grossem Aufwand eine mögliche Zusammenarbeit mit privaten Partnern in die Wege geleitet. Sollten diese privaten Partner aufgrund des Widerstandes in Bellinzona ihr Interesse an einer solchen Lösung aufgeben, wäre das für die SBB, für die Standortgemeinde und für den Standortkanton sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein schwerer Rückschlag. Die SBB aber auch andere Güterwagenbesitzer verpflichten sich dabei, ihre rund 20′000 Wagen im dort geplanten Werk zu unterhalten. Wir werden uns auch nicht vollständig aus diesem Werk zurückziehen, sondern auch eine Beteiligung an der neuen Firma halten.

Gestern Mittwochnachmittag hat Bundesrat Moritz Leuenberger zu einer Aussprache zum Thema IW Bellinzona eingeladen. Teilgenommen haben die drei Tessiner Staatsräte Patrizia Pesenti, Laura Sadis und Marco Borradori und der Bündner Regierungsrat Claudio Lardi. Ausserdem waren zwei Delegationen aus den Parlamentskammern anwesend. Die Gespräche gestalteten sich intensiv und verliefen in einer offenen Atmosphäre. Dabei waren sich die Teilnehmer einig, dass wir gemeinsam in erster Linie eine Entspannung der Situation herbeiführen müssen. Ein Arbeitskampf produziere nur Verlierer, sagte Bundesrat Moritz Leuenberger in seinen einleitenden Worten.

Der Bund steht zu seiner politischen Verantwortung und ist bereit zu helfen. Ich habe mich bereit erklärt, die Umsetzung der angekündigten Abbaumassnahmen bei SBB Cargo zu sistieren, sofern die streikenden Angestellten im Industriewerk Bellinzona zur Arbeit zurückkehren und das IW Bellinzona wieder ans SBB-Netz anschliessen. Das wiederum ist die Voraussetzung für einen runden Tisch, der nach meiner Meinung nur vollständig sein kann, wenn auch die Arbeitnehmer dort vertreten sind. Als Basis für weiterführende Diskussionen habe ich darin eingewilligt, dort unsere Entscheidungsgrundlagen und die betrachteten Alternativen in angemessener Tiefe zu erläutern. Damit habe ich meine Bereitschaft signalisiert, Alternativlösungen offen anzugehen.

Ich verbinde diese Angebote mit der starken Hoffnung, dass wir am runden Tisch mit kühlem Verstand, aber mit warmem Herzen, zu einer für alle tragbare Lösung finden werden. Unsere Dialogbereitschaft habe ich gestern erneut betont. Wir müssen mit den Sozialpartnern und den Vertreterinnen und Vertretern des Personals wieder direkt sprechen nicht nur über die Medien. Eine Lösung, die nicht nur kurzfristig, sondern auch in der weiteren Zukunft dem Tessin gute Perspektiven bietet. Unser Personalchef Markus Jordi wird heute erneut alle Sozialpartner zu Gesprächen einladen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich werde Sie selbstverständlich weiterhin auf dem Laufenden halten. Bitte weisen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die ständig aktualisierten Meldungen im Intranet und auf dem schwarzen Brett hin.

Mit herzlichen Grüssen

Andreas Meyer
CEO SBB

Klassenkampf Unterseiten

Zurück zu Klassenkampf