SBB-Verwaltungsrat im Visier
Das Schlamassel bei SBB Cargo wirft ein schiefes Licht auf den SBB-Verwaltungsrat. Hat er die Güterbahn-Strategie und die Finanzkontrolle hinreichend beaufsichtigt?

Jeden Abend stehen Hunderte Güterwagen zum Transport bereit. An 300 Anschlussgleisen werden sie abgeholt, im so genannten Nachtsprung erreichen sie ihren Bestimmungsort. «Operativ macht SBB Cargo Nacht für Nacht einen super Job», sagt Bruno Planzer, Patron des gleichnamigen Transportbetriebs. Er lässt für Cargo Domizil per Bahn transportieren. Zufrieden ist auch die Migros, mit täglich 400 Bahnwagen grösste Kundin der SBB. «Sie ist verlässlich, und die Güter erreichen fast immer schadlos den Bestimmungsort», sagt Bernhard Metzger, Leiter Transport-Logistik der Migros.

Fehlende Übersicht bei den Zahlen
Das Lob der Grosskunden steht im scharfen Kontrast zu den Missständen am Hauptsitz der SBB Cargo in Basel (TA von gestern). Zu viel Personal, zu tiefe Preise im Transitgeschäft, teurer Unterhalt, falscher Einsatz von Rollmaterial und fehlende Übersicht bei den Zahlen: «SBB Cargo weiss bis heute nicht, was sie welcher Dienst kostet», sagt ein Kunde. Im inländischen Wagenladungsverkehr kalkuliert sie ihre Preise nicht nach Prinzip Kosten plus Marge, sondern nach Preis des Strassentransports plus Sympathiezuschlag. Kein Wunder, machte sie Defizit.

Die oberste Verantwortung dafür hat auch bei den SBB der Verwaltungsrat. Dort ist Paul Otth als Leiter der Aufsichtsgruppe Finanzen/Audit zuständig für die «Funktionsfähigkeit des internen Kontrollsystems». Der Wirtschaftsprüfer hätte zusammen mit Olivier Steimer, Präsident der Waadtländer Kantonalbank, eine wirkungsvolle Finanzaufsicht garantieren müssen (siehe Grafik). Doch haben sie dies getan? Otth war kurz Finanzchef beim Technologiekonzern Unaxis. Während dieser Zeit erkrankte er schwer, wurde dann aber wieder gesund. Wie lange er im Verwaltungsrat gefehlt hat, ist gemäss SBB geheim.

Offene Fragen gibt es auch zur Arbeitsgruppe Güterverkehr. Weder ihr Leiter, Mario Fontana, noch Otth, noch die Anwältin und Ex-Ständerätin Christiane Brunner verfügen über branchenspezifisches Fachwissen. Auch Brunner war zudem lange krankheitshalber abwesend.

Und schliesslich stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit zweier Verwaltungsräte. Fontana ist Präsident der Internetbank Swissquote, Otth ist dort Vize. Zusammen sitzen sie nicht nur im SBB-Verwaltungsrat, sondern auch im Güterverkehrsausschuss. Eigentlich wäre die Arbeitsgruppe Corporate Governance dafür da, über Verstösse gegen das Prinzip der einwandfreien Unternehmensführung zu wachen. Doch in diesem Ausschuss sitzt Mario Fontana – der Überwacher ist also auch der Überwachte.

Über die Leistungsausweise von Otth und Fontana ist wenig bekannt. Otth amtete bis 1999 als Finanzchef der Elektrowatt-Gruppe und war zuvor in der gleichen Position bei Landis & Gyr tätig. Als Vizepräsident von Ascom ist er nie speziell aufgefallen. Fontana war 1999 bei der Wahl in den SBB-Verwaltungsrat Generaldirektor beim Computerhersteller Hewlett-Packard. Danach wechselte er zur Detailhandelsgruppe Bon Appétit, zuletzt war er dort Präsident, bevor sie verkauft wurde. Er war Präsident von Leica Geosystems, bevor sie übernommen wurde, und Verwaltungsrat bei Sulzer.

Fontana, Otth und Steimer wollen sich zu den Punkten nicht äussern. Und die SBB lehnen es ab, Auskünfte über die Tätigkeit der Verwaltungsrats zu geben. Sie kritisieren die aufgeworfenen Fragen: «Der Verwaltungsrat hat sich in den vergangenen Jahren intensiv um SBB Cargo gekümmert und sich namentlich auch ausführlich mit Fragen der Strategie beschäftigt», schreibt Sprecher Roland Binz. Der Vorwurf mangelnder Oberaufsicht entbehre jeder Grundlage.

Der Bund sieht es anders
Der Bund als Alleinaktionär will allerdings nun genau wissen, wie es zu dieser «finanziell unbefriedigenden Situation» gekommen ist und welche Lehren daraus er für «seine zukünftige Strategie und die Steuerung der SBB Cargo zieht». Dies erklärt Daniel Bach, Sprecher des zuständigen Departementes Uvek. «Die Analyse wird sich unter anderem mit dem internen Controlling befassen. Dies, um künftig ein rascheres Erkennen von Problemen zu gewährleisten», sagt Bach. Im Klartext: Die Aufsicht muss gründlich verbessert werden. Fest steht bereits: «Zwei Verwaltungsräte werden dieses Jahr ersetzt», heisst es aus gut unterrichteter Quelle.

Quelle: Tagesanzeiger

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