Basel schweigt geschockt, Bellinzona kämpft lautstark
In Basel, wo die SBB Cargo am meisten Stellen streicht, hatten die Angestellten bleiche Gesichter. Tessiner Betroffene wollen den Gotthard lahm legen.

Für Nicolas Perrin war heute alles andere als ein leichter Tag. Am frühen Morgen hatte er einen kurzen, schweren Auftritt vor der Cargo-Belegschaft in Bellinzona. Am Nachmittag trat der Direktor der SBB-Cargo am Hauptsitz beim Basler Hauptbahnhof, wo er sein Büro hat, vor die versammelten Verwaltungsmitarbeiter. Er zeigte sich glücklich, dass er überhaupt reden durfte. «Ihre Kollegen im Tessin haben sich nicht so ruhig verhalten wie sie jetzt», sagte Perrin als Erstes und löste damit verhaltenes Lachen in seinem Publikum aus. Auch die Basler Angestellten hatten mitbekommen, wie die Belegschaft im Cargo-Werk in Bellinzona ihren Chef schon am frühen Morgen mit gellenden Pfiffen und lauten Protestchören am Reden gehindert hatte.

Die Tessiner Angestellten waren postwendend in Streik getreten, als sie die Kunde von der Streichung von 126 Stellen allein in Bellinzona und der Verlegung von 28 weiteren nach Yverdon erhielten. Ihre wütenden Proteste rühren auch daher, dass die Cargo-Spitze vor weniger als einem Jahr bei einem Abbau von 50 Stellen versprochen hatte, 30 Millionen im Tessin zu investieren. Der Arbeitskampf in der Südschweiz dürfte noch einige Zeit andauern. Der Rückhalt in der Bevölkerung scheint breit. Gestern drohten die Streikenden sogar damit, den Gotthard-Verkehr lahm zu legen.

Von ähnlichen Kampfmassnahmen ist die Zentrale weit entfernt, obwohl in Basel mehr Angestellte ihre Stelle verlieren als in der Südschweiz. Am Rheinknie muss fast jeder Vierte der 700 Cargo-Mitarbeiter sein Pult räumen. 153 Stellen werden gestrichen, weitere 65 werden nicht wieder besetzt. Die vielen Büroangestellten hier dürften leichter eine neue Beschäftigung finden, als ihre Arbeiterkollegen im strukturschwachen Bellinzona. Für viele Tessiner kommt erschwerend hinzu, dass die im Gesamtarbeitsvertrag garantierte Weiterbeschäftigung in vielen Fällen mit dem Umzug auf die andere Seite des Gotthards verbunden wäre.
Beunruhigendes vom Direktor

Auch in Basel war gestern vielen Zuhörern unschwer anzusehen, dass sie sich grosse Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Je länger Perrin über die Millionenverluste, Stellenstreichungen und Zukunftsszenarien redete, desto länger und bleicher wurden viele der Gesichter im Saal. Der Cargo-Direktor nannte auch einige beunruhige Dinge beim Namen. So bezeichnete er die bisherige Datenqualität auf entscheidenden Unternehmensstufen als «hundslausig». Oder er verkündete eine der künftigen Devisen: Keine Transporte mehr ohne Auftrag. Was für Laien wie eine Selbstverständlichkeit klingt, war bislang bei SBB Cargo nicht immer so gewesen. Die Managementfehler und die schwierige Lage des Eisenbahn-Gütergewerbes fordern auch in Freiburg Opfer. SBB Cargo hebt dort ihren Kundenservice auf. 51 Stellen werden gestrichen, weitere 114 Stellen nach Basel verlegt. Von Biel werden zudem 46 Stellen an den Standort Yverdon transferiert, der ausgebaut wird. In der Waadt herrscht getrübte Freude, an den andern, vom Abbau betroffenen Orten, kündigten die lokalen und kantonalen Regierungen an, sich für die Angestellten zu wehren. Am kämpferischsten zeigt sich die Tessiner Regierung. Sie will bereits am Montag beim Bundesrat und bei der SBB-Spitze vorsprechen.

Die Gewerkschaften des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbands (SEV) sowie Transfair verurteilen den Stellenabbau scharf. Transfair kritisiert, das Personal zahle jetzt für Führungsfehler. Der SEV wirft der SBB Cargo vor, keine Strategie für die Zukunft aufzuzeigen. Am Morgen war er in Basel noch mit zwei Mitarbeitern vertreten, die Flugblätter verteilten. Als Direktor Perrin den Glaspalast Elsässertor verliess, waren sie längst weg.

Quelle: Tagesanzeiger

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