Wie Konzernkollegen gemeinsam in den SBB-Verwaltungsrat kamen
Der SBB-Verwaltungsrat wird im April erneuert. Externe Berater helfen dabei. Die Cargo-Krise wirft nun die Frage auf, wie die Wahl des heute stark kritisierten Gremiums 1998 zu Stande kam.

Am Montag bemängelte Moritz Leuenberger, es habe bei der SBB «klare Fehler» gegeben. Dafür sei der SBB-Verwaltungsrat verantwortlich. Am Dienstag gaben bürgerliche Politiker die Kritik zurück. Leuenberger sei es, der die SBB-Verwaltungsräte ins Amt hieve und bei der SBB «linke Seilschaften» zulasse. Die FDP fordert ihn nun auf, «nicht weiter tatenlos» zuzusehen.

Zur Tat schreiten muss Leuenberger am 23. April. Dann werden in der Generalversammlung der SBB – die aus dem Bundesrat besteht – zwei neue Verwaltungsräte gewählt. Sie sollen die zurücktretenden Mario Fontana und Paul E. Otth ersetzen. Auch die Suche nach einem Nachfolger für den auf Ende Jahr scheidenden Präsidenten Thierry Lalive d’Epinay läuft bereits.

Ohne die Cargo-Krise hätten diese Neuwahlen kaum Aufsehen erregt. Nun aber gilt es, Fachleute zu wählen, die SBB-Cargo sanieren und für sie eine Erfolgsstrategie ausknobeln. «Die SBB stehen nicht nur mit Cargo vor immensen Herausforderungen», sagt FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher. «Der Bundesrat muss die Rücktritte von Verwaltungsräten nutzen und die neuen Mitglieder mit grosser Sorgfalt auswählen.» Es brauche Fachleute im Bereich Logistik – solche mit Bahnerfahrung und Finanzkenntnissen, mit Führungs- und Unternehmergeist. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner möchte gar Peter Siegenthaler, Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, zum neuen SBB-Verwaltungsrat machen. Obschon Siegenthaler in der SP ist. «Er bringt bei Finanz- und bei Verkehrsfragen das fehlende Wissen mit», sagt Giezendanner. Tatsächlich will Leuenberger laut Sprecher Daniel Bach mit dem Bundesrat «die Rolle als SBB-Eigner überdenken» und entscheiden, «ob bei einer späteren Wahl neuer Verwaltungsräte ein Bundesvertreter in das Gremium entsandt wird».

Landis-&-Gyr-Seilschaft bei der SBB
Sicher ist, dass sich der Bund bei der Besetzung der SBB-Spitze von externen Beratern helfen lässt. Das war schon 1998 so bei der neu gegründeten Aktiengesellschaft SBB. Das Anforderungsprofil forderte damals Leute mit «fundierten Kenntnissen der Verkehrsmärkte, mit Kenntnissen der Verkehrspolitik und mit internationaler Erfahrung im Transportmarkt und in Logistik». Gerade Letztere fehlen im Führungsgremium der SBB. «Etliches», schimpft Transporteur Giezendanner, «kann der heutige Verwaltungsrat nicht bieten.» Ernst Leuenberger, ehemaliger Präsident des Eisenbahnerverbandes, warf dem Verkehrsminister mehrfach vor, er habe sich von Headhuntern die falschen Leute anpreisen lassen. Das, so Ernst Leuenberger, dürfe sich nicht wiederholen.

Zumal bei der SBB nicht bloss «linke Seilschaften» auszumachen sind: Den Verwaltungsrat dominierte bis vor kurzem eine Gruppe bürgerlicher Industriemanager um Thierry Lalive d’Epinay, die sich alle von früher gut kennen. Die Entstehungsgeschichte des SBB-Verwaltungsrat mit Lalive d’Epinay an der Spitze ist also eine ganz besondere: Lalive d’Epinay, der sein Amt auf Ende 2007 wohl nicht ganz freiwillig ablegte, wurde 1998 gemeinsam mit zwei früheren Berufskollegen aus einer ehemaligen Konzernspitze in den SBB-Verwaltungsrat gewählt: mit dem Physiker Hanspeter Brändli (Rücktritt aus der SBB-Spitze 2005) und mit dem Wirtschaftsprüfer Paul E. Otth, der dieses Jahr zurücktreten wird.

Der frühere Danzas-Verwaltungsrat Brändli, der heutige Ascom-Vizepräsident Otth und der Elektroingenieur Lalive d’Epinay kennen sich alle von ihrer Zeit in der Unternehmensführung bei der Landis- &-Gyr-Gruppe in Zug. Brändli und Otth waren Unternehmensbereichsleiter. Lalive d’Epinay und Otth sassen zusammen während Jahren in der Konzernleitung. 1996 wurde die Landis & Gyr an Stefan Schmidheiny verkauft und ging dann in der Elektrowatt AG auf. 1998 wählte der Bundesrat das Trio mit Lalive d’Epinay an die SBB-Spitze. Lalive räumte darauf in Interviews sogar ein: Ja, er habe bei der Auswahl der übrigen Verwaltungsräte mitreden können.

Ein Zufall war dies alles nicht. FDP-Politiker Brändli _ ab 1991 zwei Jahre Direktionspräsident bei der Ems-Chemie von Christoph Blocher _ gründete 1996 gemeinsam mit zwei Kollegen die Zuger Beratungsfirma Top_50. Die Zuger Firma vermittelt «Top-Führungskräfte ab 50 Jahren mit überdurchschnittlicher Berufs- und Lebenserfahrung» für besonders anspruchsvolle Managementaufgaben. Sie verspricht «Qualität der Spitzenklasse».

Im firmeneigenen Netzwerk sind Dutzende von Managerpersönlichkeiten registriert, die Verwaltungsratsmandate und Führungspositionen «ad interim» antreten, diese auf Wunsch aber auch «in Festanstellung» übernehmen.

Peter Arbenz: «Top 50» liefert Namen
Prominentester Mitgründer von Top-50 ist Peter Arbenz, früherer Flüchtlingsdelegierter des Bundes. Der Berater sagt heute zur damaligen Wahl des SBB-Verwaltungsrates, er habe «kein eigentliches Beratermandat» gehabt. Doch über Top-50 habe man bei Moritz Leuenberger «entsprechende Namen für die SBB-Spitze ins Spiel gebracht».

Davon hat auch Top-50 profitiert. Und bis heute hat niemand Anstoss genommen, dass der frühere Top-50-Verwaltungsrat und -Mitgründer Brändli gleich selbst SBB-Verwaltungsrat wurde. Von 1999 bis 2005 leitete der frühere Präsident der FDP Zug dort die Sparte Güterverkehr.

Quelle: Tagesanzeiger

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