Symbolfigur des Widerstands
Gianni Frizzo ist unumstrittener Streikführer bei den SBB-Betriebswerken in Bellinzona

Der 52jährige Arbeiter Gianni Frizzo hat die Belegschaft voll hinter sich. Mit rhetorischem Geschick und natürlicher Ausstrahlungskraft bringt er zudem Politiker aller Couleur auf die Seite der Streikenden.

Wieder einmal steht Gianni Frizzo auf dem Podium der Werkshalle. «Giù le mani dalle Officine!» (Hände weg von den Werkstätten!) skandiert er durchs Mikrophon. Die Arbeiter wiederholen den Schlachtruf. «Ich kann euch nicht hören», brüllt Frizzo zurück. Und schon repetiert die Menge den Satz in doppelter Lautstärke.

Das ist typisch für den Streikführer. Gianni Frizzo zeigt ein natürliches Talent, um die in den Ausstand getretene Belegschaft zu motivieren. Er spricht stets mit vollem Engagement und voller Determination, aber nie polemisch oder vulgär. Im Gegensatz zu den Gewerkschaftsvertretern oder Politikern, die dieser Tage häufig das Wort ergreifen, ist Gianni Frizzo einer der Betroffenen. Das macht ihn authentisch. Er tritt stets bescheiden auf: In Jeans und Hemd, gelegentlich mit der orangen SBB-Weste. «Jetzt, in dieser Situation, stehen wir alle voll hinter ihm», sagt ein Kollege.

50 kommen aus dem Misox
Frizzo arbeitet seit 1979 beim SBB-Betriebswerk. Da er aus San Vittore stammt, repräsentiert er auch die gut 50 Angestellten aus dem Misox-Tal, das von Bellinzona nach San Bernardino führt. Es wird häufig vergessen, dass der Kampf für das SBB-Unterhaltswerk nicht nur eine Tessiner Angelegenheit ist, sondern auch Italienisch-Graubünden betrifft. Die «Officine» sind seit jeher ein regionaler Pol – ein gemeinsamer Werkplatz für Arbeiter der benachbarten Kantone.

Frizzo war gelernter Tapezierer und Dekorateur, als er mit 23 Jahren und frisch verheiratet beim SBB-Betriebswerk in die Sattlerei eintrat. 1999 verlor er diesen Job infolge einer Auslagerung, konnte aber intern auf Mechaniker umlernen. Seither arbeitet er im Unterhalt der Lokomotivmotoren.

Sechs Chefs in sieben Jahren

Das Desaster hat er kommen sehen. «Wir hatten unendlich viele Umstrukturierungen; in den letzten sieben Jahren haben sich sechs Direktoren die Klinke in die Hand gegeben; einer blieb gerade mal drei Wochen», erzählt er. Als Präsident der Betriebskommission hat er sich früh betriebspolitisch engagiert, trat in die Unia ein, weil ihm der Eisenbahnerverband SEV zu zahm war. Bereits 1999 gründete er das Komitee «Giù le mani dalle Officine!».

Dass die Arbeiter in Bellinzona keine Schuld am SBB-Cargo-Desaster tragen, wie SBB-Chef Andreas Meyer dieser Tage sagte, ist für ihn kein Trost. «Aber wir müssen die Konsequenzen des Missmanagements der Kader ausbaden», gibt er zu Protokoll und unterstreicht dabei, dass der Lokomotivunterhalt in Bellinzona seiner Meinung nach rentabel ist. Warum also nach Yverdon verlagern? Die grosse Werkshalle, wo normalerweise gemalt und lackiert wird, ist zum Hauptquartier der Streikenden, aber auch zu einer grossen Festhütte geworden. Frizzo ist omnipräsent. «Hier ist im Moment mein Zuhause, zusammen mit meinen Kumpels», meint er, «wenn ich weg bin, dann fühle ich mich schlecht.» Die eigene Familie – vor allem seine Ehefrau – komme jetzt zu kurz. «Sie ist eine Heilige», sagt er und wird einen Moment lang von Emotionen gepackt. Auch von seinen beiden Kindern, die mit 30 und 26 Jahren längst erwachsen sind, fühlt er sich getragen: «Sie sind stolz auf mich.»

Rede vor dem Grossen Rat
Am Montag durfte Gianni Frizzo zum offiziellen Beginn der Märzsession des Tessiner Grossen Rats zum Plenum sprechen. Es war offenbar das erste Mal in der Geschichte des 1803 gegründeten Kantons, dass diese Ehre einer Privatperson – und dazu noch einem Arbeiter – zuteil wurde.

Nachdem er dem SBB-Management «kriminelle Unfähigkeit» vorgeworfen hatte, erhielt er eine stehende Ovation. Denn nicht nur für seine Arbeitskollegen, sondern auch für viele Politiker im Südkanton ist er längst zu einer Widerstandsfigur gegen die Pläne der «Landvögte aus der Deutschschweiz» geworden. Darunter im übrigen auch Politiker, die als überzeugte Marktliberalisierer bekannt sind. Man sieht. Im April sind Gemeindewahlen.

Quelle: Tagblatt

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