«Es fehlt die Gesamtschau»
Um SBB Cargo zu helfen, muss im Schweizer Bahnsystem zuerst Grundsätzliches geklärt werden, findet ein Verkehrsexperte der Economiesuisse.

Mit Martin Kaiser* sprach Ralf Kaminski

Herr Kaiser, das Problem bei SBB Cargo sei die Strategie des Alleingangs, haben Sie gesagt. Hätte man es damals doch mit der Deutschen Bahn versuchen sollen?
Es wäre vermessen von mir, das heute beurteilen zu wollen. Sicher ist: SBB Cargo braucht Partner, wenn sie das Auslandsgeschäft rentabel betreiben will. Ob das eine andere Cargo-Gesellschaft sein soll oder Camionneure, um das zu beurteilen fehlen mir – und offenbar auch den zuständigen Entscheidungsträgern – die Informationen. Was auch mit mangelnder Transparenz bei SBB Cargo zu tun hat.

Etwa mit der fehlenden Spartentrennung in der Buchhaltung? Hat dies vielleicht sogar verhindert, dass man die Probleme im Unternehmen frühzeitig erkannt hat?
Ja, das muss man daraus schliessen, dass der Bund erst kürzlich gefordert hat, die Ergebnisrechnung müsste transparenter sein. Offenbar wusste man lange nicht genau, wo man Geld verdient und wo man Geld verliert. Ich bin schon etwas überrascht, dass diese Transparenz jetzt erst gefordert wird. Aber das Problem ist grundsätzlicher: SBB Cargo ist ein Symbol für eine Schienenpolitik, die Defizite hat.

Was sind das für Defizite?
Es fehlt die Gesamtschau. Das zeigt sich nur schon daran, dass zwei wichtige Bahnvorlagen derzeit in zwei verschiedenen Parlamentskommissionen beraten werden. Dabei geht es einerseits um den Güterverkehr und mögliche Subventionen, andererseits um die künftige Entwicklung der Bahninfrastruktur im Personenverkehr. Eine integrierte Sicht fehlt nach wie vor. Wichtige Anliegen der Bahnreform II lassen noch immer auf sich warten. Zum Beispiel braucht es ein nachfrageorientiertes Trasseepreis-System und eine klare Prioritätenordnung für den weiteren Ausbau der Bahn-Infrastruktur. Ansonsten droht Gefahr, dass wieder regionalpolitische Zückerchen verteilt werden.

Aber SBB Cargo wird kaum warten können, bis all diese Fragen geklärt sind.

Nein, man muss das klären und parallel die Lage bei SBB Cargo verbessern. Was man auf jeden Fall nicht tun sollte: Mit zusätzlichen Subventionen die Probleme einfach zudecken. Dann schwelen sie nur weiter, und in ein paar Jahren kommt es zu einer richtig grossen Explosion.

* Martin Kaiser ist Verkehrs- und Finanzspezialist der Economiesuisse. Zuvor war er Postregulator beim Bund.

Quelle: Tagesanzeiger

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