Über 5000 Personen, die meisten aus dem Tessin angereist, protestierten gestern in Bern gegen die Abbaupläne von SBB Cargo. Felsenfest davon überzeugt, dass ihr Widerstand die Eisenbahnmanager weich macht.

«Was glauben Sie eigentlich? Unser Protest ist ernst gemeint, sehr ernst. Und wir werden etwas bewirken.» Maria Grazia Delorenzi steht auf dem Berner Waisenhausplatz, um sie herum heben die Trillerpfeifen zu einem ohrenbetäubenden Konzert an. Delorenzi, deren Sohn in den SBB-Werkstätten in Bellinzona arbeitet, ist aus Roveredo im bündnerischen Misox nach Bern gereist.

Entschieden tritt sie der Wahrnehmung entgegen, das Tessin befinde sich im Delirium, versuche eine leidenschaftliche, aber aussichtslose südländische Kraftmeierei gegen das rationale Bundesbern: «Die Politiker hier in Bern und die Spitzen der SBB müssen eines begreifen: Der angedrohte Abbau in Bellinzona trifft die ganze italienische Schweiz im Mark. Es geht nicht nur um die Arbeitsplätze in den SBB-Werkstätten, es geht auch um Lehrstellen. Und es geht um die Betriebe, deren Überleben an den SBB-Werkstätten hängt.»

Brillanter Tessiner Auftritt

Die Tessiner Streikregisseure des Schweizerischen Eisenbahnerverbands (SEV) – auch in Bern unterstützt durch die Demo-Experten der Gewerkschaft Unia – haben gestern ganze Arbeit geleistet. In drei Gratiszügen – finanziert aus dem Solidaritätsfonds, in dem mindestens 350000 Franken liegen sollen – beförderten sie zahlreiche Tessiner Familien nach Bern. Kinder hielten an der Umzugsspitze das Transparent «Giù le mani dai nostri papà – Hände weg von unseren Vätern» hoch.

Brillant inszenierten die Tessiner in den kalten Berner Gassen für zwei Stunden südländische menschliche Wärme: Väter und Mütter, die ihre Kinder umarmen; leidenschaftliche politische Parolen, die Solidarität und Menschenwürde buchhalterischem Kalkül und ökonomischer Logik entgegenstellen; den heiligen Mut der benachteiligten Minderheit, die den Bossen und Chefs bis in die Berner Machtzentrale die Stirn bietet. «Unsere Herzen», sagte Streikführer Gianni Frizzo, «sind gross, sehr gross.» Niemand konnte etwas anderes denken.

Doch auf Bundesplatz

Natürlich trugen ein paar Demoteilnehmer die Mütze des Hockeyclubs Ambrì-Piotta, sportliche Ikone des ewigen Kampfs der Leidenschaft gegen das Geld, und natürlich hielten sich die Demo-Teilnehmer nicht an die Auflage der Stadt Bern, den Bundesplatz zu meiden. Sie übertraten das Verbot für 20 Minuten mit entwaffnender (und folgenloser) Leichtigkeit.

So revolutionär und romantisch die Rhetorik vom fahrenden Lautsprecherwagen: Die streikenden Väter, von denen die SBB-Manager die Hände lassen sollen, wollen Resultate sehen. Es geht um ihr Leben.

Wirtschaftliche Zwänge?

Stefano Pedraita arbeitet in den «Officine» von Bellinzona in der Abteilung für den Unterhalt der Räder von Lokomotiven und Bahnwagen. Er ist mit seiner Frau Mariangela und den beiden kleinen Töchtern aus Giubiasco angereist. Er hat es satt, ständig zu hören, dass sich die Tessiner SBB-Arbeiter den Zwängen der modernen Wirtschaft beugen müssen: «Was heisst wirtschaftliche Zwänge? Niemand begreift, dass eine Firma, die schwarze Zahlen schreibt, auf dem Markt nichts mehr zu suchen haben soll», sagt er.

Und abgesehen davon: Manager fällen Entscheide und beeinflussen damit die wirtschaftliche Realität. Oft genug habe er in den letzten Jahren erlebt, dass Entscheide, die man angeblich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit gefällt habe, wieder umgestossen worden seien. «Die Arbeitsplatz-Garantie, die wir fordern, ist nicht weltfremd. Sie ist eine Frage des Wollens.»

Genau so sei es, pflichtet ihm Gabriele Quadri aus Lugano bei, Lehrer von Beruf und wenige Jahre vor der Pensionierung. Für ihn sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, aus Solidarität mit den SBB-Arbeitern nach Bern aufzubrechen.

Wo bleibt die Schweiz?

Quadri erinnert sich, dass sein Grossvater als Schuhmacher in Bellinzona sein Geschäft vor allem mit den Angestellten der «Officine» betrieb: «Die SBB ist aus unserer Sicht Teil des zivilisatorischen und ökonomischen Fortschritts, der mit dem Anschluss des Tessins an die Schweiz in unsere Täler kam. Werden die Werkstätten geschlossen, kommt uns die Schweiz abhanden.»

Dem stimmt der junge Giovanni zwar zu, der in der Nähe steht. Aber bevor er sich äussert, will er Presseausweise sehen – man wisse ja nie. Und seinen Nachnamen in einer Deutschschweizer Zeitung? «No.»

Schliesslich ist er in grosser Mission unterwegs, die rote Che-Guevara-Fahne hat er geschultert: «Wir kämpfen nicht um Bellinzona, sondern um mehr. In fast allen Tessiner Familien gibt es jemanden, der bei der SBB arbeitet. Wir sind alle betroffen, wenn die Werkstätten geschlossen werden. Wir tun alles, damit das nicht passiert.»

Schade, konnte Che Guevara das nicht selber hören. Er hätte Freude gehabt an der Tessiner Entschlossenheit und dem Glauben an den Erfolg. Daran änderte vorerst auch der Aufruf von Bundesrat Moritz Leuenberger, den Streik zu beenden, nichts. Den Entscheid, ob der Streik fortgesetzt werde oder nicht, fälle die Versammlung der Streikenden, sagte Matteo Pronzini, einer der Streikführer, auf Anfrage.

Quelle: Berner Zeitung

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