Das Flublatt der Basisgruppe Bahn wurde Ende 2006/Anfang 2007 veröffentlicht – Mitten in den Auseinandersetzungen rund um den gekündeten GAV.

Der Streik, das unbekannte Wesen

Die Zeichen stehen auf Sturm! Noch Ende September hatte Benedikt Weibel verlauten lassen, dass in seinen „bald 14 Jahren an der Spitze der SBB in jedem sozialen Konflikt eine Lösung gefunden wurde“. Doch inzwischen ist selbst für die Neue Zürcher Zeitung, dem Leitblatt der Bürgerlichen, ein Streik bei der Bahn kein Ding der Unmöglichkeit mehr. In der Wochenendausgabe vom 4./5. November heisst es da: „Kommt es zu keiner Einigung, herrscht bei den SBB ab 2007 ein vertragsloser Zustand. Man darf gespannt sein, wie Steuerzahler und Konsumenten als Arbeitgeber und Kunden der SBB reagieren würden, sollten Züge in der Januarkälte wegen eines Arbeitskampfes ausfallen. Anders als bei regionalen Arbeitskämpfen wären streikende Bähnler und ihre Arbeitsbedingungen sofort ein nationales Thema.“ Alle reden von Streik, doch niemand weiss so recht, was das ist. Aus diesem Grund haben sich einige interessierte BähnlerInnen zusammengesetzt, sich Gedanken gemacht und ein wenig recherchiert.

Was ist eigentlich ein Streik?
Das Wort kommt vom englischen „to strike“ und heisst: die Arbeit mit Nachdruck niederlegen, um entweder eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen oder aber ihre Verschlechterung abzuwehren. Der Streik ist seit dem Beginn der Industrialisierung die schärfste Waffe der ArbeiterInnen um ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und ihre Forderungen durchzusetzen (Die verschiedenen Streikformen sind auf der Rückseite aufgelistet). Dass der Streik als Kampfmittel bis heute notwendig ist, liegt an unserem Wirtschaftssystem. Darin herrscht eine unversöhnlicher Widerspruch zwischen dem Unternehmen und den ArbeiterInnen. Einerseits muss der Betrieb die Produktionskosten senken bzw. die Produktivität steigern um in der Konkurrenz zu bestehen. Die ArbeiterInnen wollen aber andererseits ein angenehmes Leben führen und darum wehren sie sich gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen durch das Unternehmen. Aus diesem gespannten Verhältnis erwächst immer wieder die Notwendigkeit, sich mittels Streik zu wehren.

Vielen Menschen ist der Streik bis jetzt nur dann begegnet, wenn sie mit dem Zug eine Reise ins Ausland machen wollten und die örtliche Bahngesellschaft mal wieder streikte. Doch bis Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde auch in der Schweiz sehr oft gestreikt. Ab den fünfziger Jahren nahm die Häufigkeit der Streiks zunehmend ab, weil die gute Wirtschaftslage erlaubte, mit den Unternehmern gute Gesamtarbeitsverträge abzuschliessen. Doch selbst in Zeiten der Hochkunjunktur wie den 50er- und 60er-Jahren gab es Arbeitskämpfe in der Schweiz, sie wurden bloss ignoriert und weitgehend vergessen. Seit dem Ende der achtziger Jahre ist ein vermehrter Druck auf die erkämpften Arbeitsbedingungen von Seiten der Unternehmer zu spüren. In der neuen Bundesverfassung wurde dann 1998 das Streikrecht endgültig verankert: „Streik und Aussperrung sind zulässig, wenn sie Arbeitsbeziehungen betreffen und wenn keine Verpflichtungen entgegenstehen, den Arbeitsfrieden zu wahren oder Schlichtungsverhandlungen zu führen.“ (Artikel 28, Absatz 3) Herrscht also ein vertragsfreier Zustand, wie er bei der SBB Anfang 2007 droht, dann ist ein Streik der ArbeiterInnen erlaubtes Mittel zur Durchsetzung ihrer Rechte. Selbst wenn es zu einem Streik ohne Gewerkschaftsbeteiligung, einem wilden Streik, kommt, ist das zulässig. Von Seiten der Unternehmer wird bei einem Streik versucht, die Streikenden mit der Drohung einer fristlosen Entlassung unter Druck zu setzen. Wegen der Teilnahme an einem Streik darf jedoch niemand entlassen werden, und schon gar nicht fristlos.